Dissertationen

Anna Theresa Cibis, Lucifer von Calaris. Studien zur Rezeption und Tradierung der Heiligen Schrift im 4. Jahrhundert (= Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums N.F. Reihe 1, Bd. 28.), Paderborn 2014.

Der Bischof Lucifer von Calaris († 370/71) bietet mit seinen Lehrschriften, die er im Exil gegen Kaiser Constantius II. verfasst hat, eine wertvolle Quelle für die Rekonstruktion altlateinischer Bibeltexte.
Seine Zitate aus der Apostelgeschichte stimmen in hohem Maße mit dem Text des Codex Gigas (einer im frühen 13. Jahrhundert in Böhmen erstellten lateinischen Bibelhandschrift) überein. Gegenstand der Untersuchung ist sowohl Lucifers Umgang mit der Heiligen Schrift als auch die Entstehung und Ausbreitung der von Lucifer und dem Codex Gigas überlieferten altlateinischen Apostelgeschichtenversion, die bis in das Mittelalter hinein als eigenständige Textform neben dem allgemein gültigen Vulgatatext erhalten blieb.

Rebekka Schirner: Inspice diligenter codices. Philologische Studien zu Augustins Umgang mit Bibelhandschriften und -übersetzungen (= Millennium-Studien Bd. 49) Berlin/München/Boston.

Der Kirchenvater Aurelius Augustinus (354-430 n.Chr.) ist durch das hohe Aufkommen an Bibelzitaten innerhalb seiner Werke einer der wichtigsten Zeugen für die Überlieferung(sgeschichte) des altlateinischen Bibeltextes. Ein in diesem Zusammenhang relevantes Selbstzeugnis Augustins ist dabei die oft zitierte Passage aus dem zweiten Buch seiner Schrift Über die christliche Bildung (De doctrina christiana), in der er von der „unendlichen Mannigfaltigkeit lateinischer Übersetzer“ spricht und den methodisch richtigen Umgang mit verschiedenen Textlauten einer Bibelstelle sowie den sich aus einem Vergleich verschiedener Sprachversionen ergebenden hermeneutischen und interpretatorischen Gewinn thematisiert. Doch auch sonst begegnen in Augustins Werken immer wieder Passagen, in denen sich der Kirchenvater normativ oder deskriptiv über die Vielzahl verschiedener Bibelübersetzungen äußert und erkennen lässt, welche Konsequenzen sich daraus u.a. für Exegese und homiletisches Wirken, aber auch für innerkirchliche oder gar antihäretische Auseinandersetzungen sowie die Kultur theologischer Diskurse insgesamt ergeben. Oftmals aber können die Rezipienten auch, zum Teil im Konnex mit den eben beschriebenen Aussagen, zum Teil von ihnen losgelöst, mitverfolgen, wie Augustin selbst beim Vergleich mehrerer Bibeltextversionen abwägt, ob einer und wenn ja welcher der Vorzug zu geben sei, wobei eine Vielzahl von Darstellungsmodi, aber auch von Vergleichskriterien zur Anwendung kommt.

Das hierbei sich ergebende Bild eines Kirchenvaters, der trotz seiner primär exegetischen Intentionen im Umgang mit Bibeltextvarianten auch philologisch-textkritische Methoden anzuwenden versteht, hat auch für die Bewertung der bei ihm überlieferten altlateinischen Bibeltextlaute – und somit auch für die Vetus-Latina-Forschung – weitreichende Konsequenzen.